Vor 60 Jahren: 1. März 1956, Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA)

 

Die Aufstellung der offiziellen Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde zum 1. März 1956 per Gesetz von der Volkskammer beschlossen.

Die alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges hatten 12 Jahre zuvor im Potsdamer Abkommen 1945 die Abschaffung deutschen Militärs als Grundsatz beschlossen. Die deutsche Öffentlichkeit  in Ost wie West stand Plänen einer Wiederaufrüstung weithin ablehnend gegenüber.

Im sich verschärfenden Kalten Krieg wollte jedoch weder das westliche Bündnis unter Führung der USA, noch das östliche Bündnis unter Führung der kommunistischen Sowjetunion, auf deutsche Soldaten verzichten.

Die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands)-Führung in Ostberlin scheute aber vor einer  offenen Wiederbewaffnung von Deutschen in ihrem Machtbereich zurück, solange es im verfeindeten Westen noch keine Streitkräfte gab. Dennoch existierte in der DDR bereits vor 1956 eine Armee, die mit der Bezeichnung „Kasernierte Volkspolizei“ (KVP) nur oberflächlich getarnt worden war. Als im November 1955 in der Bundesrepublik die Bundeswehr aufgestellt wurde, gab es auch im Osten keinen Grund mehr die eigene Wiederbewaffnung weiter zu verschleiern. Daher beschloss die SED-Führung, die Kasernierte Volkspolizei in Nationale Volksarmee (NVA) umzubenennen. Der 1. März 1956 wurde zum offiziellen Gründungstag der NVA.

Größere Verwunderung in Ost und West löste das Aussehen der neuen NVA-Uniformen aus, denn sie waren erkennbar inspiriert von Uniformen der Reichswehr und Wehrmacht. Das galt auch für die Kragenlitzen, Dienstuniformen und Stickereien für Generale. Die Kasernierte Volkspolizei hatte dagegen bis 1956 Uniformen getragen, die eher dem russischen Schnitt und Design entsprachen. Tatsächlich war die NVA-Führung aber von der sowjetischen Militärführung zum deutschen Uniformschnitt gedrängt worden, um den „nationalen Charakter“ zu betonen. Damit wollte man wahrscheinlich vermeiden, dass die NVA im äußeren Erscheinungsbild allzu sehr wie „Russenknechte“ wirkte. Dieses Schimpfwort mussten sich Angehörige der KVP nicht zuletzt aufgrund ihrer Uniform oft gefallen lassen. Zudem zeigte die Uniform, dass die DDR die ganze deutsche Nation und ihre Geschichte beanspruchte. Die NVA sollte an die als „fortschrittlich“ bewerteten Traditionen des deutschen Militärwesens anknüpfen. Nicht zuletzt erinnerte man dabei an die preußischen Militärreformer und die „nationale Erhebung“ von 1813 gegen die napoleonische „Fremdherrschaft“. Die Uniformen waren, ungeachtet ihres altmodischen Aussehens, Erzeugnisse der modernen Leichtindustrie. Sie wurden hergestellt aus Kammwolle, synthetischen Perlon-Fasern und Viskosefasern („Kunstseide“).

Foto: Foto aus offiziellem Fotoalbum: Die Uniformen der Nationalen Volksarmee mit deutschen und russischen Beschriftungen, DDR, um 1956,

1956 bestand die NVA aus rund 120.000 Soldaten und Offizieren. Nach Einführung der Wehrpflicht im Jahr 1962 wurde die NVA größer. Bis zu ihrer Auflösung 1990 dienten über zwei Millionen Ostdeutsche in ihren Uniformen. 

Text: Jens Wehner M.A., Historiker und Sachgebietsleiter Bildgut im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr.